Der Bauer und seine Kartoffel

Ein lesenswerter Artikel in der Zeit Online von Jon Callas über die wahrscheinliche Verstaatlichung von Google und Facebook, Bauern und die Pflege Ihrer Kartoffel, Datenschutz und gnadenlose Ernte-Techniken.

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Internet ist schon jetzt allgegenwärtig: Ich schreibe diesen Artikel auf meinem iPad. Sie lesen ihn vielleicht auf einem iPhone (10% der Leser dieses Blogs greifen von einem iPhone darauf zu) oder von ihrem Laptop zu Hause oder ihrem Tablett PC im Zug. Vielleicht gefällt Ihnen der Artikel und sie empfehlenden über ein Social Network weiter, oder er gefällt Ihnen nicht, sie schreiben böse Kommentare und sie warnen vor ihm – auch über ein Social Network.

Diese Tendenz geht unaufhaltsam weiter. Was vor einigen Jahren noch eine Möglichkeit im täglichen Leben war, die man benutzen konnte oder nicht, ist heute schon in weiten Teilen, oder wird bald in allen anderen Teilen allgegenwärtig: Eine Grundversorgung. Fast Jeder in unserer Gesellschaft hat fließendes Wasser. Natürlich können Sie beim Bau Ihres Hauses veranlassen, daß keine Wasserleitung gelegt wird, sondern eine Handpumpe in Ihrem Garten installieren lassen, aber das bringt Sie dann wahrscheinlich schnell in eine Aussenseiter Rolle, ähnlich wie die Personen, die Heute bei der Frage nach Ihrer Handy Nummer antworten: “Ich hab keins”.

Die Entwicklung der Technologie wird es uns bald immer und überall ermöglichen, zu einem sehr geringen Preis online zu sein. “Ich bin online” wird ein Teil von “ich bin”. Eine Entwicklung der man sich durch die immer weitere Verbreitung der Technologie (Internet in den Produktionsprozesses, Autos, Ampelschaltungen, Fernsehen, Haushaltsgeräte, Schulen, Verwaltungen, Banken, etc.) sowieso nicht ganz entziehen kann.

Die Internet Industrie teilt sich in zwei offensichtliche, aber in ihren Auswirkung durchaus überraschende Sparten:

Die Produkt-Hersteller:
Apple, Microsoft, Research in Motion (Blackberry), Samsung… machen die Produkte, die wir benötigen, um online zu sein. Sie produzieren und wir kaufen. Wir sind die Kunden, die ein Gerät erwerben. Wenn es uns nicht gefällt, kaufen wir es nicht oder geben es zurück oder beschweren uns beim Hersteller.

Die Dienstleister:
Facebook, Google und co. Sie bieten uns kostenlose Dienstleistungen: Kommunikation, online Speicherplatz für unsere Fotos, Information, Suchmaschinen, Nachrichten, Textverarbeitung und Tabellenkalkulation, etc. Aber wer sind die Kunden von Google und Facebook? Wir sind es nicht. Die Kunden sind die Unternehmen die für Werbung bezahlen. Werbung die auf uns zugeschnitten ist. Die Kunden von Facebook und Google zahlen dafür unsere Daten benutzen zu können. Wir sind das Produkt. Oft fühlen wir uns als Kunde. Die Dienstleister versuchen uns Glauben zu machen, wir seien ihre Kunden (Benutzer = Kunde), hegen und pflegen uns mit immer besseren, benutzerfreundlicheren, kostenlosen Diensten um uns Glauben zu machen, wir seien Kunden. Aber auch ein Bauer hegt und pflegt auch seine Kartoffel und Salatköpfe. Bis zur Ernte. Dann kennt der Bauer keinen Spaß. Auch Facebook und Google kennen keinen Spaß bei der Forderung nach strengeren Datenschutzbestimmungen.
Kein Bauer wird aus Sentimentalität die eine oder andere Kartoffel verschonen, nur weil diese vor der Ernte einen Antrag auf Datenschutz gestellt hat.

Alle Gundversorger sind entweder verstaatlicht oder wenn nicht – je höher die Monopolstellung ist – von einem riesigen staatlichen Apparat überzogen. Manche Grundversorger wurden zwar wieder privatisiert, aber dann um so strenger unter die Kontrolle des Staates genommen. Die Monopolstellung von Facebook und Google ist unbestritten und es gibt auch keinen Herausforderer am Horizont.

Dieses Szenario ist angesichts der Tatsache, daß wir, die Benutzer der Dienstleistungen, die Kartoffel, die Produkte, die Salatköpfe sind und nicht die Kunden, gelinde gesagt erschreckend. Aber sehr wahrscheinlich. Die einzige Möglichkeit für Facebook und Google, dieses Horror-Szenario abzuwenden ist es jetzt kooperativer beim Datenschutz zu sein, uns als echte Kunden zu behandeln, uns die Möglichkeit zu geben die Verarbeitung unserer Daten zu beeinflussen, auf Wunsch auch von der Ernte-Maschine verschont zu bleiben. Damit wird das Monopol der Unternehmen und der Zwang, Teil des Gemüsemarkts zu werden abgeschwächt. Aber auch das ist nicht absehbar. Wenn die Kartoffel wählen können, ob sie geerntet werden oder nicht, sieht’s schlecht aus auf dem Gemüsemarkt. Dann gibt’s weder Google noch Facebook sondern kostenpflichtige Angebote (e-Mail, etc…) ohne Werbung und streng nach Datenschutz-Bestimmungen…. aber dann eben nicht für alle, sondern nur für die, die es sich leisten können.

Hier finden Sie den Artikel in der Zeit Online: http://www.zeit.de/2011/40/Jon-Callas-ueber-Facebook/

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